ADHS-WISSEN
Aufschieben: ADHS oder Depression?
Auf einen blick
- Aufschieben tritt bei ADHS auf, bei Depression, bei beidem und ohne Diagnose. Am Verhalten allein lässt sich die Ursache nicht ablesen (Oguchi et al., 2021).
- Etwa jeder Fünfte der starken Aufschieber hatte in einer Münsteraner Stichprobe einen ADHS-Verdacht. Prokrastination ist meist kein ADHS. ADHS geht meist mit Prokrastination einher (Rist et al., 2011).
- Rund 10 Prozent der Studierenden erfüllen Kriterien pathologischen Aufschiebens. Entscheidend ist der Leidensdruck, weniger die Menge (Rist et al., 2023).
- ADHS-typisch ist der enge Zusammenhang mit Unaufmerksamkeit (r = .42–.51 über 11 Studien, Suriano, 2026).
- Die Unterscheidung gehört in eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung, nicht in Selbsttests oder Coaching.

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Es ist halb eins nachts, und du tippst zum dritten Mal diese Woche eine Variante derselben Frage in den Chat: Bin ich faul, habe ich ADHS, oder ist das eine Depression? Der Tag ist wieder anders gelaufen als geplant, die wichtige Sache liegt weiter unberührt, und irgendetwas in dir will endlich einen Namen für das Muster.
Den Namen gibt eine Diagnostik, keine Website. Was die Forschung über den Unterschied weiß, wie häufig welche Ursache ist und woran du erkennst, ob eine Abklärung für dich der richtige Schritt ist, steht hier.
Ist mein Aufschieben ein Zeichen für ADHS oder für Depression?
Beides ist möglich, und die Forschung zeigt: Die beiden treten auch gemeinsam auf. In einer Erwachsenenstichprobe waren bei hohen ADHS-Symptomen sowohl das Aufschieben als auch depressive und ängstliche Beschwerden gemeinsam erhöht (Oguchi et al., 2021, N = 470). Am Aufschieben selbst lässt sich die Ursache deshalb nicht ablesen: Es ist ein Verhalten, das bei ADHS, bei einer Depression, bei beidem zugleich und auch ganz ohne Diagnose auftritt.
Für dich heißt das: Dein Aufschieben ist ein ernstzunehmendes Signal und ersetzt keine Diagnose (Oguchi et al., 2021). Welche Ursache bei dir dahintersteckt, klärt eine Diagnostik, nicht das Verhalten allein.
Oguchi et al., 2021
Wie oft steckt ADHS tatsächlich hinter starkem Aufschieben?
Seltener, als viele denken. In einer Münsteraner Studierendenstichprobe hatte etwa jeder Zweite mit ADHS-Verdacht klinisch hohe Aufschiebewerte. Umgekehrt hatte etwa jeder Fünfte der starken Aufschieber einen ADHS-Verdacht (Rist et al., 2011). Kurz gefasst: Prokrastination ist meist kein ADHS. ADHS geht meist mit Prokrastination einher. Wer stark aufschiebt, gehört zur Mehrheit der Aufschieber ohne ADHS-Hintergrund oder zur Minderheit mit. Das entscheidet die Abklärung, nicht das Ausmaß des Aufschiebens.
Für dich heißt das: Die meisten starken Aufschieber haben keinen ADHS-Hintergrund (Rist et al., 2011). Genau hinschauen lohnt, wenn weitere Zeichen dazukommen.
Rist et al., 2011
Ab wann ist Aufschieben mehr als eine Angewohnheit?
Die Forschung zieht diese Grenze inzwischen mit Kriterien: Eine Münsteraner Analyse mit 990 Studierenden identifizierte rund 10 Prozent pathologische Prokrastinierer und daneben rund 10 Prozent unbesorgte Aufschieber, die viel verschieben, ohne darunter zu leiden (Rist et al., 2023). Der Unterschied liegt im Leidensdruck und in den Folgen, weniger in der Menge des Verschobenen: Pathologisches Aufschieben belastet, zieht sich durch mehrere Lebensbereiche und läuft der eigenen Absicht dauerhaft zuwider.
Für dich heißt das: Entscheidend ist, ob dich das Aufschieben belastet und dir wiederholt zuwiderläuft, weniger die Menge (Rist et al., 2023). Je größer der Leidensdruck, desto mehr spricht für eine Abklärung.
Rist et al., 2023
Woran erkennt die Forschung das ADHS-Muster beim Aufschieben?
Am ADHS-typischen Muster. Über elf Studien hinweg hängt Aufschieben am engsten mit der Unaufmerksamkeit zusammen, mit Korrelationen meist zwischen r = .42 und .51, enger als mit Hyperaktivität oder Impulsivität (Suriano, 2026, systematisches Review, N = 2.788). Der Gruppenunterschied ist groß: Studierende mit selbstberichteter ADHS-Diagnose schieben mit d = 1,32 stärker auf als Studierende ohne (Andreassen et al., 2026, N = 281). ADHS-typisch ist ein Aufschieben, das an der Schwierigkeit hängt, die Aufmerksamkeit auf ungeliebte Aufgaben zu lenken und dort zu halten, quer durch die Lebensbereiche und über belastete Phasen hinaus.
Für dich heißt das: Hängt dein Aufschieben an der Mühe, bei ungeliebten Aufgaben überhaupt anzukommen, seit Langem und in vielen Bereichen, passt das zum ADHS-Muster (Suriano, 2026). Bestätigen lässt sich das in einer Diagnostik.
Suriano, 2026, Andreassen et al., 2026
Was ist der sinnvolle nächste Schritt bei starkem Aufschieben?
Egal, welche Ursache dahintersteckt: Der Leidensdruck ist real und messbar. In einer Alltagsstudie sank der momentane Selbstwert beim Aufschieben, bei Erwachsenen mit und ohne ADHS-Kriterien gleichermaßen (Turner & Harty, 2025, N = 125). Deshalb lohnt die Abklärung: Ob ADHS, Depression, beides oder etwas Drittes hinter deinem Muster steht, entscheidet darüber, welche Unterstützung passt. Der richtige Ort dafür ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis, keine Website, kein Selbsttest und kein Coaching.
Für dich heißt das: Dass Aufschieben am Selbstwert nagt, ist ein messbares Muster (Turner & Harty, 2025). Nimm den Leidensdruck als Anlass für eine Abklärung, nicht als Beweis für eine bestimmte Diagnose.
Turner & Harty, 2025
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Häufige Fragen
Woher weiß ich, ob mein Aufschieben von ADHS oder von einer Depression kommt?
Am Verhalten allein lässt sich das nicht ablesen: Aufschieben tritt bei ADHS auf, bei Depression, bei beidem und ohne Diagnose. In einer Erwachsenenstichprobe waren bei hohen ADHS-Symptomen Aufschieben und depressive wie ängstliche Beschwerden gemeinsam erhöht (Oguchi et al., 2021). Die Unterscheidung gehört in eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung.
Steckt hinter starkem Aufschieben meistens ADHS?
Bei den meisten nicht. In einer Münsteraner Studierendenstichprobe hatte etwa jeder Fünfte der starken Aufschieber einen ADHS-Verdacht. Umgekehrt hatte etwa jeder Zweite mit ADHS-Verdacht klinisch hohe Aufschiebewerte (Rist et al., 2011). Prokrastination ist meist kein ADHS. ADHS geht meist mit Prokrastination einher.
Wie viele Menschen schieben krankhaft auf?
In einer Analyse mit 990 Studierenden erfüllten rund 10 Prozent die Kriterien pathologischen Aufschiebens. Daneben standen rund 10 Prozent unbesorgte Aufschieber, die viel verschieben, ohne zu leiden (Rist et al., 2023). Entscheidend ist der Leidensdruck, weniger die Menge des Verschobenen.
Reicht ein Online-Selbsttest, um ADHS und Depression zu unterscheiden?
Ein Selbsttest liefert Anhaltspunkte, keine Unterscheidung und keine Diagnose. Aufschieben kommt bei beiden Bildern und ohne jede Diagnose vor. Ob ADHS, Depression, beides oder etwas anderes hinter deinem Muster steht, klärt eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis.
Warum fühle ich mich nach dem Aufschieben so schlecht?
Das ist messbar: In einer Alltagsstudie sank der momentane Selbstwert beim Aufschieben, bei Erwachsenen mit und ohne ADHS-Kriterien gleichermaßen (Turner & Harty, 2025). Der schlechte Zustand danach ist Teil des Musters.
Behandelt NeuroPartner auch Depressionen?
NeuroPartner bietet Coaching zu Alltag und Selbstregulation, keine Diagnostik und keine Behandlung von Depressionen oder anderen Erkrankungen. Bei Anzeichen einer Depression oder starkem Leidensdruck gehört die Abklärung in eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis. Coaching ergänzt eine Behandlung, ersetzt sie aber nicht.
Quellen & Studien

ADHS und Prokrastination
Warum ADHS das Anfangen so schwer macht, warum die üblichen Tipps versagen und woran du erkennst, dass dein Aufschieben einem ADHS-Muster folgt.
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